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ÜBER DEN FILM

KURZINHALT

Sie könnten unterschiedlicher nicht sein und sind dennoch untrennbar miteinander verbunden: der junge Fußballprofi Christopher Quiring, Berlins Gesundheitssenator Mario Czaja, der Streetworker Stefan Schützler, sein Schützling Alex und der Schauspieler Chris Lopatta teilen eine große Leidenschaft – den 1. FC Union Berlin. Zur DDR-Zeit galten Fans des legendären Arbeiterklubs als Rebellen und Regimegegner. Heute, mehr als 25 Jahre nach dem Mauerfall, hat sich überraschend viel dieses unangepassten Geistes bewahrt. Humorvoll und mit viel Sympathie begleiten die Regisseure Frank Marten Pfeiffer und Rouven Rech ihre vereinstreuen Protagonisten dabei, wie sie sich mehr oder weniger durch ihr Leben kämpfen – eine emotionale Milieustudie, die tief in die Kieze Ostberlins eintaucht.

PRESSENOTIZ

Der Dokumentarfilm UNION FÜRS LEBEN schildert anhand persönlicher Lebenswege eine verborgene Ebene der DDR in Bildern und Erzählungen, die tatsächlich bis heute im wiedervereinten Deutschland aufzufinden ist. Dort trifft er auf Menschen, die trotz aller Unterschiede eines gemeinsam haben: die große Leidenschaft für den 1. FC Union Berlin.

DIE PROTAGONISTEN

  • » CHRISTOPHER QUIRING

    • geboren 1990 in Marzahn
    • 1995 bis 2002 bei BSC Marzahn
    • 2002-2011 Nachwuchsspieler beim 1. FC Union Berlin,
      seit 2011 im Union-Profikader
    • Marktwert laut Transfermarkt.de (Stand: 31.01.2014):
      800.000 Euro

    Fußball ist Christopher Quirings Leben. Nach mehr als zehn Jahren bei Union hat er sich in den Profi-Kader hochgearbeitet. Quiring ist schnell, passgenau und erzielt mitunter wichtige Tore für seine Mannschaft. Als er sein Siegtor bei einem Oberliga-Spiel der zweiten Mannschaft gegen den BFC-Dynamo Berlin provokant vor den gegnerischen Fans bejubelte, handelte er sich dafür beinahe ein Verfahren beim DFB-Sportgericht ein – und gleichzeitig einen festen Platz in den Herzen der eigenen Fangemeinde.

    „Ich wäre nie auf die Idee gekommen, für den BFC zu spielen. Den sehe ich als Erzfeind“, verkündete Quiring mit großer Leidenschaft nach dem Spiel vor Journalisten. Eine vererbte Feindschaft für den Jungen, der zur Welt kam, als die Mauer gerade verschwunden war. Das sind mehr als leere Worthülsen. Quiring stand schon lange vor seiner Karriere als Spieler hinter dem Tor bei den Ultras und fieberte mit der Mannschaft mit.

    Für Christopher Quiring stellt sich mit zunehmendem Erfolg die Frage, wie er seine Zukunft gestalten will. Wird er sich für die Verbundenheit zu Heimat, Familie und Union entscheiden und der Versuchung auf eine steile Karriere widerstehen? Sein Vertrag läuft noch bis 2015, doch es gibt Gerüchte über einen vorzeitigen Wechsel.

  • » CHRIS LOPATTA ALIAS LOPEZ

    • geboren 1963 in Berlin-Mitte
    • erstes besuchtes Union-Spiel 1977
    • bis 1988 Ausbildung an der Hochschule
      für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin
    • 1989-1993 Theater Greifswald
    • 1995-2012 Theater der Jungen Welt Leipzig
    • aktuell freier Schauspieler in Berlin

    Fußball ist Lopez’ Universum und Union darin Sonne, Mond und Sterne auf einmal. Er wurde von Frauen verlassen, weil sie seine andere große Liebe nicht begreifen konnten. Er besitzt eine der ganz wenigen „Eisernen Karten“, die als Dauerkarte fürs Stadion bis ans Lebensende gelten.

    Nach seinem Beruf gefragt, stellt er sich vor als „Chris Lopatta, meines Zeichens Unioner und im Hobby Schauspieler.“ Tatsächlich spielte er in Leipzig den Froschkönig oder den Kleinen Prinzen am Kindertheater, aber auch sich selbst am Köpenicker Volkstheater: einen rotzig-sympathischen Union-Fan, der nicht immer erfolgreich versucht, Beruf, Frauen und Sozialismus unter seinen rot-weißen Hut zu bringen. „Und niemals vergessen – Eisern Union!“ läuft seit vielen Jahren als eine Art Heimatstück.

    Vor einiger Zeit hat Lopez zusammen mit den Mittelalter-Rockern „In Extremo“ einen selbst verfassten Union-Song aufgenommen. Das Lied hallte, ebenso wie die beliebte Stadionhymne von Nina Hagen, einige Male vor den Heimspielen durch das Stadion. Sein Gesicht prangt auf Flyern des Vereins und wenn er den Fanblock betritt, wollen sich manche sogar mit ihm fotografieren lassen.

    Vor allem aber ist Lopez Fanclub-Chef der „Schärfsten“ – einer Gruppe von Jugendfreunden, die vor etwa 35 Jahren gemeinsam ihre Herzen an Union verloren. Der Verein hat sie als blutjunge, langhaarige Jungs zusammengebracht und nun sind sie grau geworden, mit Union. Sie haben sich verändert, Ostberlin hat sich verändert. Ein ganzes Land ist verschwunden. Doch die Konstante in ihrem Leben ist ein Fußballverein, der damals wie heute ums Überleben kämpft.

  • » MARIO CZAJA

    • geboren 1975 in Berlin
    • seit 1993 Engagement in der Kommunalpolitik
    • 1999 im Wahlkreis Kaulsdorf-Mahlsdorf direkt
      ins Berliner Abgeordnetenhaus gewählt
    • seit Dezember 2011 Senator für
      Gesundheit und Soziales

    Mario Czaja engagiert sich inzwischen seit mehr als zwei Jahrzehnten in der Kommunalpolitik. Der gelernte Versicherungskaufmann und studierte Betriebswirt war bereits als 20-Jähriger Mitglied in der Hellersdorfer Bezirksverordnetenversammlung und zog 1999 ins Berliner Abgeordnetenhaus ein. Mittlerweile ist er als jüngstes Mitglied des Berliner Senats für die Bereiche Gesundheit und Soziales zuständig. Er lebt mit Frau und Tochter im Bezirk Marzahn-Hellersdorf.

    Czajas Fußballherz schlägt für den 1. FC Union Berlin. Wenn der CDU-Politiker im Anzug und mit Fanschal im Stadion An der Alten Försterei steht und mitfiebert, ist er ein Teil der neuen Fankultur, die sich in den vergangenen Jahren entwickelt hat. Es sind längst nicht mehr allein die Schlosserjungs von einst, die das Stadion heute bevölkern. Die Alte Försterei ist zu einem sozialen Schmelztiegel geworden.

    Der Gesundheitssenator gehört zur Gruppe derer, die es geschafft haben. Er ist Teil des Establishments. Vielleicht verkörpert Mario Czaja damit das, was die Mentalität der Unioner ausmacht: Es lohnt sich, am Ball zu bleiben und nicht aufzugeben.

  • » STEFAN SCHÜTZLER

    • geboren 1968 in Berlin-Pankow
    • arbeitet in seiner Heimatstadt seit 1992 als Streetworker
    • zunächst in Friedrichshain und Hohenschönhausen,
      inzwischen in Treptow-Köpenick

    Stefan Schützler ist mit seinen beiden „Gangway“-Teamkollegen in Treptow-Köpenick als Sozialarbeiter unterwegs. Unter anderem befindet sich auch das „Ghetto“ in Altglienicke, wie es von den Einwohnern selbst genannt wird, in ihrem Einzugsgebiet. Es ist ein Hochhaus-Wohnviertel an der äußeren Stadtgrenze Berlins und zählt zu den klassischen Union-Gebieten. Seit 2000 arbeiten Schützler und seine Kollegen in diesem Ostberliner Teil der Stadt, der in etwa der Gesamtfläche der Stadt Bonn entspricht. Streetwork ist für ihn vor allem Teamarbeit. Die Sozialarbeiter treffen immer wieder auf Jugendliche, die auf der Straße herumhängen und scheinbar keine Motivation oder Möglichkeiten haben, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen.

    Zusammen mit seinen Kollegen versucht Schützler, die Kids auf andere Gedanken zu bringen und in ihnen den Wunsch zu wecken, etwas aus ihrem Leben zu machen. Die Streetworker organisieren Paddelausfahrten, Grillabende und kleine Fußballturniere oder unterstützen ihre Klienten bei Behördengängen und bei Problemen mit der Schule, der Polizei oder auch den Eltern.

    Als Union-Fan weiß Schützler, dass der Köpenicker Verein ein hohes Identifikationspotential für die Jugendlichen aus dem Bezirk hat, weil er als kleiner Underdog mit wirtschaftlichen und strukturellen Problemen zu tun hat und dazu gegen die scheinbar privilegierten Klubs ankämpfen muss. Dieser Kampf gelingt nicht immer, doch Union lässt sich von Rückschlägen nicht unterkriegen. Das will Stefan auch den Jugendlichen in seinem Bezirk vermitteln.

  • » ALEXANDER GRAMBOW

    • geboren 1992 in Berlin
    • macht inzwischen eine Ausbildung als Security
    • suchte während der Dreharbeiten
      nach einer Lehrstelle als Sattler

    Alexander Grambow hat schon in verschiedenen Ecken Berlins gewohnt, doch in Schöneweide fühlt er sich zu Hause. Als er 15 Jahre alt war, packte ihn die Begeisterung für Schmalspur-Eisenbahnen – und ließ ihn nicht mehr los. Dazu gesellte sich dann auch die Leidenschaft für den 1. FC Union Berlin. Er ist mittlerweile ein treuer Fan des Ostberliner Traditionsklubs.

    Eigentlich träumte Alexander davon, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten und eine Ausbildung zum Sattler zu machen. Aber es gab keine Stellen. Der junge Berliner ist bereits seit einiger Zeit auf sich allein gestellt und versucht fieberhaft, eine eigene Wohnung zu finden. Das ist allerdings schwer, wenn man keinen Ausbildungsplatz vorweisen kann und kein Hartz IV bezieht. Nach Abschluss der Dreharbeiten hat er einen Job als Security gefunden. Das gibt ihm eine neue Perspektive.

DIE FILMEMACHER

  • » FRANK MARTEN PFEIFFER
       (Buch, Regie und Bildgestaltung)

    Frank Marten Pfeiffer wurde 1973 in Bietigheim-Bissingen nahe Stuttgart geboren. Nachdem er von seinem Großvater eine Leica und eine Dunkelkammer geerbt hatte, ist bei ihm schon früh die Leidenschaft für Fotografie und Bildgestaltung entstanden. Nach dem Abitur sammelte er berufliche Erfahrungen bei verschiedenen Filmproduktionen und beim damaligen SDR-Fernsehen. Unter anderem arbeitete er als Cutter und Produktionsleiter, bevor er von 1998 bis 2004 ein Regie- und Kamerastudium an der Filmakademie Baden-Württemberg absolvierte. Seinen Abschluss in Regie Dokumentarfilm machte Frank Marten Pfeiffer mit dem Film MORE THAN MUSIC. Seitdem lebt und arbeitet er als freischaffender Regisseur und Bildgestalter in Berlin. Er drehte zahlreiche abendfüllende Dokumentarfilme und Serien, unter anderem die Kinodokumentarfilme UNION FÜRS LEBEN, HOFFENHEIM – DAS LEBEN IST KEIN HEIMSPIEL und DAS PALMERPRINZIP sowie als Bildgestalter die Filme DOPPELLEBEN, BERUF LEHRER und das Dokudrama GEORGE. Mit HOFFENHEIM – DAS LEBEN IST KEIN HEIMSPIEL war er 2013 für den Grimme-Preis nominiert.

  • » ROUVEN RECH
       (Buch, Regie und Originalton)

    Rouven Rech, geboren 1973 in Bochum, absolvierte ein Studium der audiovisuellen Medienwissenschaften an der Universität Paderborn und an der Hochschule für Film und Fernsehen in Babelsberg. An der Filmakademie Baden-Württemberg ließ er sich von 2001 bis 2004 zum Diplom-Dokumentarfilmregisseur weiterbilden und verbrachte ein Jahr an der Universidad del Cine in Buenos Aires. Außerdem studierte er ein halbes Jahr an der Escuela Internacional de Cine auf Kuba und recherchierte in Äthiopien. Für das ZDF drehte er in Ghana den Film ADOPTED, sein Drittjahresfilm SPIEL DES LEBENS – DER TRAUM VOM PROFIFUSSBALL wurde als Spiegel-TV-Reportage auf Sat.1 gezeigt und für den SWR befuhr er den Trans-Kalahari-Highway. Daraus entstand ein abendfüllender Dokumentarfilm in der Reihe MENSCHEN & STRASSEN. Seine dokumentarischen Kurz- und Langfilme erhielten wichtige Preise und Prädikate bei mehreren Festivals. Mit HOFFENHEIM – DAS LEBEN IST KEIN HEIMSPIEL war er 2013 für den Grimme-Preis nominiert.

  • » FRANK MARTEN PFEIFFER UND
       ROUVEN RECH IM INTERVIEW

    Was hat Sie daran gereizt, einen Film über die Fans eines Ostberliner Klubs zu drehen?

    Im Osten Berlins hat sich in den letzten Jahren ein neues Selbstbewusstsein entwickelt, an dem ausgerechnet ein Fußballverein großen Anteil hat. Die Fangemeinde und das Team des 1. FC Union Berlin können auf eine lange Tradition als trotzige Schicksalsgemeinschaft zurückblicken. Sie haben sich bis heute überraschend viel von diesem unangepassten Geist bewahrt. Das geteilte Deutschland gehört längst der Vergangenheit an. Heute schaffen neue, oft selbst gestaltete Lebenswirklichkeiten, die mehr als nur Lokalpatriotismus sind, Raum für Identität. Wir wollten mit unserem Film vergessene Stadtteile wiederentdecken und tief in die Kieze Ostberlins eintauchen. Dort leben Menschen, die kaum unterschiedlicher sein könnten, jedoch eines gemeinsam haben: Union Berlin ist für sie Heimat, Kraftquelle und manchmal sogar die ganz große Liebe. So etwas ist so nur im heutigen Ost-Berlin zu finden.

    Inwiefern hat das mit der Tradition des Vereins zu tun?

    Die Vergangenheit des Klubs und seiner Anhänger ist in dieser Form einmalig, denn sie war verknüpft mit dem Wesen eines Staates, der heute nicht mehr existiert. Die Anhänger waren Unangepasste in einem rigiden System. Die Aura des niemals aufgebenden Underdogs ist bis in die heutige Zeit geblieben. Es ist ein Sammelbecken für Leute, die den Kult um den Widerstandsverein sexy finden. Was sie alle miteinander verbindet, ist mehr als nur ein Fußballverein. Um ein echter Unioner zu sein, reicht das reine Interesse am Fußball längst nicht aus. Auch die soziale Herkunft, ein bestimmtes Alter, das Geschlecht oder die politische Ausrichtung sind nicht entscheidend. Es hilft, wenn man Berliner ist, besser noch Ostberliner. Doch letztlich ist Union in erster Linie ein Lebensgefühl, eine Frage der Mentalität: es geht nicht ums Gewinnen, sondern darum, selbst im drohenden Abstiegskampf möglichst nie die gute Laune und den Optimismus zu verlieren und keinesfalls aufzugeben. Und gerade dann die Treue zu halten, wenn die Umstände schwierig oder unfair sind. Wir wollten Menschen zeigen, die es für einen weitverbreiteten Irrtum halten, dass der einzig richtige Weg nur nach oben führt. „Ein Unioner steigt nicht ab, ein Unioner wechselt nur die Liga!“ Dieses bedingungslose Zueinanderstehen vermittelt ihnen einander einen unentbehrlichen Halt, und so fühlen sie sich bei jedem Union-Spiel so, wie sie sich mit 20 Jahren beim ersten Spiel gefühlt haben. Oder es spüren solche, die erst 20 Jahre alt sind, bei Union das Gefühl, endlich irgendwo verwurzelt zu sein, während die Welt drum herum sich ständig und immer schneller verändert. Diese außergewöhnliche Lebenseinstellung und der starke Zusammenhalt der Fans haben uns fasziniert. Wir wollten diese besondere Dynamik in unserem Film erlebbar machen.

    Nach DAS LEBEN IST KEIN HEIMSPIEL ist UNION FÜRS LEBEN nun schon Ihr zweiter Film, der einen Fußballklub in den Mittelpunkt stellt. Haben Sie eine besondere Beziehung zu diesem Thema?

    Vordergründig scheint es zwar immer um Fußball zu gehen, doch eigentlich interessieren uns vor allem gesellschaftliche Phänomene. Im Bereich Fußball lassen sich unendlich viele zwischenmenschliche Konstellationen entdecken, die es spannend machen, sich öfter mit dem Thema zu beschäftigen. Wir machen ja keine Sportfilme, sondern realisieren immer eine Art Milieustudie, die uns – und bestenfalls den Zuschauer – immer wieder überrascht. Ansonsten würden wir uns vermutlich schnell langweilen.

    Der 1. FC Union Berlin mit seiner bewegten Vergangenheit ist das genaue Gegenstück zur TSG 1899 Hoffenheim, der ja immer wieder fehlende Tradition vorgeworfen wird. War das der Reiz, sich gerade für diesen Berliner Klub zu entscheiden?

    Nachdem wir uns lange Jahre und intensiv mit der TSG Hoffenheim auseinandergesetzt hatten, führte uns ein glücklicher Umstand zum 1. FC Union. Wir filmten das Aufstiegsspiel in die 2. Liga und merkten dabei, dass es eine andere Atmosphäre, eine andere Fangemeinschaft bei Union gibt. Dieser Atmosphäre, die auch häufig als Mythos bezeichnet wird, wollten wir auf den Grund gehen. Warum ist der Verein so besonders? Ist er es wirklich? Welche persönlichen Geschichten werden wir hinter der Fanmasse finden?

    Wie haben Sie Ihre Protagonisten gefunden?

    Das war im Unterschied zu Hoffenheim, wo es auf Seiten des Vereins und auf Seiten der Fans nur eine begrenzte Anzahl an Leuten gab, doch etwas schwieriger. Wir haben unzählige Unioner getroffen und gesprochen. Immer wieder wurden uns neue Leute empfohlen, die ein besonderes Verhältnis zum Verein haben. Und es gibt tatsächlich viele Menschen, die ihr Leben dem 1. FC Union verschrieben haben. Doch wir wollten eben keinen reinen Fanfilm drehen und suchten deshalb auch abseits des Stadions, z.B. Leute, die sich eben keine Eintrittskarten leisten können und dennoch Sympathisanten von Union sind. Der Verein bietet nun mal für die Leute im Kiez ein hohes Identifikationspotenzial. Dieser Aspekt war uns wichtig. Wir haben sicher über ein Jahr gebraucht, um die geeigneten Protagonisten zu finden.

    Der Film changiert zwischen Portrait eines Fußballklubs und sensibler Milieustudie. Wie haben Sie sich den verschiedenen Aspekten angenähert?

    Wenn man sich mit dem 1. FC Union und seiner Verankerung im Kiez beschäftigt, merkt man schnell, dass man sich eben genau auf diese Weise annähern muss. Dabei handelt es sich auch nicht um zwei verschiedene Aspekte, sondern vielmehr um zwei Seiten einer Medaille. Die Fans können nicht ohne den Verein, der Verein nicht ohne seine Fans. Wir haben unsere Protagonisten in ihrem jeweiligen persönlichen Umfeld mit der Kamera begleitet, im Stadion beim Fußballspiel kommen dann alle Lebenswege zusammen.

    Sie sprachen eben von Union als Kraftquelle. Haben die Dreharbeiten auch innerhalb der Mannschaft einen Nachdenkprozess über Verantwortung und Vorbildfunktion ausgelöst?

    Die Dreharbeiten mit der Mannschaft waren von großem beiderseitigen Respekt, aber auch einer professionellen Distanz geprägt. Die Zeit mit dem Team war, auf Wunsch der sportlichen Leitung, leider sehr begrenzt und somit kam es nicht direkt zu einem inhaltlichen Austausch während des Drehs. Wir waren froh, die Szenen zu realisieren, die nun auch im Film zu sehen sind. Vielleicht löst der fertige Film eben jenen angesprochenen Denkprozess aus.

    Christopher Quiring echauffiert sich vor laufenden Kameras über jubelnde Wessis im Stadion An der Alten Försterei. Welche Rolle spielt die Ost-West-Thematik 25 Jahre nach der Wende noch?

    Bei Chrissy Quiring war das mit Sicherheit auch der emotionalen Situation geschuldet und nicht zwingend in Ossi/Wessi gedacht. Aber natürlich ist auch diese Thematik fest im Denken verankert. Die deutsche Teilung ist nun 25 Jahre vorbei – das ist auf der einen Seite eine lange Zeit, aber auf der anderen Seite braucht es wohl noch ein Weilchen, bis nichts mehr davon zu spüren ist. Wir glauben zudem, dass es gerade in der jüngeren Generation weniger mit Ost/West zu tun hat als vielmehr mit der Frage einer Heimat bzw. der Suche nach Identifikation. Nach unserem Eindruck hat sich gerade in den Stadtteilen, in denen wir gedreht haben, im positiven Sinn ein besonderes „Ostberlin“-Selbstbewusstsein entwickelt.

    Fußball und Rechtsextremismus gehören ganz sicher nicht zusammen, tauchen aber immer wieder gemeinsam auf. Warum war das für den Film kein Thema?

    Rechtsextremismus ist nicht nur beim Fußball ein relevantes Thema, sondern findet sich in vielen Bereichen unseres Lebens. Unser Ziel war es, einen Film über den sogenannten Mythos von Union Berlin zu machen und zu schauen, ob dieses besondere Verhältnis zwischen Fans und Verein filmisch zu erklären bzw. beschreibbar ist. Dabei wollten wir diesen bestimmten Einblick in den Osten von Berlin geben. Das Thema Rechtsextremismus hätte einen anderen Ansatz, einen anderen Film erfordert. Die gleiche Frage hätte man auch beim Hoffenheim-Film stellen können, wo man prozentual sicherlich auf die gleiche Anzahl von ideologisch rechtsorientierten Leuten stößt, doch es war in der öffentlichen Wahrnehmung nie ein Thema. Wir selbst sind während unserer Recherche und unserer Dreharbeiten auch dieser Frage nachgegangen, sind aber nicht aktiv auf diese Thematik gestoßen – das soll die sicherlich im Fußball vorhandene Problematik nicht beschönigen. Sie ist jedoch gesamtgesellschaftlich zu betrachten – somit vielleicht eher eine Aufgabenstellung für das nächste Filmprojekt.

DER 1. FC UNION BERLIN

Die Union-Geschichte ist eine Geschichte der Unangepasstheit. Offiziell wurde der Klub 1966 gegründet, doch die eigentliche Historie beginnt 1906 – damals unter dem Namen Olympia Oberschöneweide. Bereits zu Beginn war dieser Verein der Klub der kleinen Leute, der Verein der Arbeiter – der „Schlosserjungs“ aus den Oberschöneweider Fabriken.

Das Schicksal des Vereins wurde auch durch die zwei Weltkriege geprägt. Sowohl die Mannschaft als auch ihre Anhängerschaft hatten Kriegsgefallene zu beklagen und wurden dadurch dezimiert. Nach Ende des 2. Weltkrieges verboten die alliierten Besatzungsmächte zunächst alle deutschen Vereine, weil sie als Teile des Nationalsozialistischen Reichsbundes für Leibesübungen und damit als Gliederung der Nazipartei betrachtet und behandelt wurden.

„Jeder Staatsfeind ist Union-Fan“

Anschließend bestimmten im Ostsektor die DDR-Parteifunktionäre das Vereinsgeschehen nach sowjetischem Vorbild, was in der Gründung dreier Vorzeigeklubs in der Hauptstadt Ost-Berlin mündete: des BFC Dynamo, als Klub der Volkspolizei und Staatssicherheit, des FC Vorwärts Berlin, als Klub der Volksarmee, und schließlich des 1. FC Union Berlin, als zivilem Klub des Volkes und der Werktätigen. Einigen Parteikadern soll es wichtig gewesen sein, dass Union Berlin niemals zum Top-Klub aufsteigt. Unangepasstheit und ein Stück Protest machen den Verein aus: „Nicht jeder Union-Fan ist ein Staatsfeind, aber jeder Staatsfeind ist Union-Fan“, hieß es in der DDR-Zeit.

Auch nach den schmerzvollsten Ereignissen in der Geschichte des Klubs blieben die Fans ihrem Verein treu: Als viele Spieler 1950 aus Köpenick in den Westteil Berlins übersiedelten, kamen die Zuschauer bis zum Bau der Berliner Mauer 1961 nun auch zu Tausenden in das Poststadion in Moabit, um ihre Unioner anzufeuern. Nach dem Mauerbau und trotz mehrerer Umstrukturierungen und Umbenennungen – auch in der Heimat, dem Stadion An der Alten Försterei – wurden die Unioner von ihren Fans nie im Stich gelassen.

„Freudentaumel und Rückschläge in der Gemengelage des Prager Frühlings"

Einige gute Spieler wurden zu Dynamo „delegiert“, talentierte Nachwuchskicker schon früh diesen privilegierten Vereinen zugewiesen und selbst das Spielgeschehen wurde zuweilen durch die „linientreuen“ Schiedsrichter beeinflusst. Insbesondere die Spiele gegen den BFC Dynamo wurden, so wird gemunkelt, auf Wunsch von Stasi-Chef Mielke zugunsten des Polizeiklubs verschoben.

Der BFC avancierte auch dadurch bis heute zum Hauptfeindbild der „eisernen“ Anhänger. Doch die Unioner kämpften unermüdlich gegen die großen Klubs und feierten im Spieljahr 1967/68 in Halle an der Saale ihren Sieg im FDGB-Pokal, dem nationalen Fußball-Pokalwettbewerb der DDR. Zur Teilnahme am Europapokalwettbewerb kam es allerdings nicht, weil der DDR-Fußballverband seinen Pokalsieger angesichts der politischen Auseinandersetzungen zwischen West und Ost in Folge des Prager Frühlings aus dem Wettbewerb zurückzog.

Die Leute identifizierten sich trotzdem oder gerade deswegen mit diesem Verein – mit den Ungerechtigkeiten, mit den Demütigungen durch einige DDR-Funktionäre, die ihnen immer wieder aufs Neue widerfuhren. Das Gefühl des benachteiligten Underdogs schweißte die Menschen zusammen: im täglichen Arbeitsleben und an jedem Spieltag im Stadion. Der Klub wurde zum Anziehungspunkt für die Leute, die unzufrieden waren in der DDR. Deshalb hatte die Stasi das Stadion und die Anhänger des Vereins fest im Blick.

Mit der Wende 1989 geriet auch das gesamte DDR-Sportsystem ins Wanken. Den „Staatsklubs“ ging die finanzielle und politische Unterstützung der Führung verloren. Viele Vereine verschwanden im Niemandsland der unteren – nun gesamtdeutschen – Fußballligen. Die Anhänger wandten sich enttäuscht ab. Auch bei Union wurden die Zuschauer nach der anfänglichen Euphorie der Wiedervereinigung weniger – hatten die Bürger der ehemaligen DDR doch alltäglichere Lebenssorgen als einen nicht besonders erfolgreichen Fußballverein.

Ein ums andere Mal stand der Klub kurz vor dem finanziellen Ruin, doch die Fans taten es ihren Idolen vom grünen Rasen gleich – in höchster Not begannen sie erneut für das Überleben ihres Vereins zu kämpfen. „Rettet Union“ stand auf den Transparenten, mit denen die Fans durchs Brandenburger Tor zogen. Der Hilferuf blieb nicht ungehört: Die Münchener Filmrechte-Firma „Kinowelt“ unterstützt den 1. FC Union Berlin finanziell und ermöglichte einen sportlichen und wirtschaftlichen Aufschwung – die DFB-Pokalendspiel- und die Europapokalteilnahme 2001 waren Ausdruck dessen. Wenige Jahre später stand der Klub erneut vor enormen ökonomischen Problemen. Die von den Fans mitgetragene Spendenkampagne „Bluten für Union“ half dabei, auch diese Zeit zu überwinden.

„Der Kult lebt weiter"

Heute ist von der industriellen Fertigung in der einstigen Arbeitervorstadt nicht viel übrig geblieben. Die Fabrikbetriebe in Oberschönweide und Köpenick wurden längst durch die Treuhand abgewickelt. Von den ehemals etwa 30.000 Arbeitern in Industriebetrieben sind nicht mehr als 150 übrig geblieben. Die Fans haben sich verändert.

Viele junge Union-Anhänger haben die DDR nicht mehr erlebt. Es sind Studenten, Auszubildende und Kleinfamilien, denen die Alt-Unioner die Geschichten über Jubel, Kampf und Tränen erzählen. Das Lebensgefühl der „Schlosserjungs“ mit proletarischen Wurzeln wird so aufrechterhalten. Vor allem der Gemeinschaftsgeist scheint sich weiterzuvererben – in mancher persönlichen Not wird zuallererst ein Unioner um Rat gefragt.

Zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer ist endlich auch das sportliche Glück nach Köpenick zurückgekehrt. Der 1. FC Union schaffte 2009 den Aufstieg in die 2. Fußballbundesliga. Ein Berliner Stiefkind bleibt der Verein dennoch – während Hertha BSC auch auf Unterstützung durch den Berliner Senat zählen kann, bauten die Unioner mit Hilfe ihrer Fans das Stadion in Eigenregie um. Innerhalb von dreizehn Monaten leisteten mehr als 2.000 treue Union-Fans mehr als 140.000 ehrenamtliche Arbeitsstunden, um dem 1. FC Union Berlin das Stadion An der Alten Försterei als Heimat zu erhalten.

Der Dokumentarfilm UNION FÜRS LEBEN schildert anhand persönlicher Lebenswege eine verborgene Ebene der DDR in Bildern und Erzählungen, die tatsächlich bis heute im wiedervereinten Deutschland aufzufinden ist. Dort trifft er auf Menschen, die trotz aller Unterschiede eines gemeinsam haben: die große Leidenschaft für den 1. FC Union Berlin.